Vigonianae, I, 2010 – 1. Heft

Deutsch-Italienische Halbjahresschrift


Villa Vigoni, die 1986 in der Rechtsform eines binationalen Vereins begründet worden ist, gibt von Beginn an durch Publikationen Einblick in ihre Tätigkeit. Was als Jahrbuch im Niemeyer-Verlag begonnen und dann über ein Jahrzehnt hinweg als Comunicazioni / Mitteilungen im Selbstverlag fortgesetzt worden war, wird hier in neuer Konzeption und Aufmachung als deutsch-italienische Halbjahresschrift, nunmehr im Franz Steiner-Verlag, weitergeführt. Der Name Vigonianae ist dabei Programm. Denn das Ensemble von Landhaus, Park und Wald macht das besondere Kapital der »Villa Vigoni e.V.« aus. Tatsächlich ist ein Ort keineswegs etwas Arbiträres, wie niemand anderes als Francesco Petrarca vermerkt. Er bestimmt in seiner Schrift De vita solitaria das Land als jenen Ort, an dem man sich, befreit von den Zwängen und Verpflichtungen des städtischen Lebens, selbst finden könne. Die Schrift steht am Anfang der großen neuzeitlichen Bewegung des Lebens auf dem Lande, der »villeggiatura«, deren Idee noch das Landhaus des Heinrich Mylius, die heutige Villa Vigoni, folgt und die mit dem gegenwärtig neuerwachten Bewusstsein im Umgang mit den Ressourcen der Natur von hoher Aktualität ist. Wesentlicher Bestandteil der »villeggiatura« ist eine Lebensform, zu der konzentriertes Gespräch ebenso wie künstlerische und intellektuelle Betätigung gehören: Züge, die nicht minder Villa Vigoni kennzeichnen. Hier wird sie durch ein genuines ästhetisches Erleben unterstützt, das der Blick in die alpine Seenlandschaft stimuliert. Dies alles ist indes nie Selbstzweck gewesen, sondern immer als Rahmen begriffen worden, der eine freiere Form der Reflexion und Auseinandersetzung ermöglicht. So war es schon im klassischen Rom. Cicero hat einmal, in seinen Tusculange disputationes, sogar den Ort zur Bezeichnung des Dialogs gewählt, den er dort spielen lässt. So sollen auch die Vigoniande disputationes Medium und Katalysator für den deutsch-italienischen Dialog sein. Denn es gibt Aufgaben. Zunächst einmal gilt eine Grundregel: Der Dialog bedarf der beständigen Pflege und Erneuerung. Wechselseitige Kenntnis, aus der Verständnis und Vertrauen erwachsen, sind kein Besitz für immer, sondern müssen von jeder Generation neu erworben werden. Gerade die Beziehungen zwischen Italien und Deutschland sind ein Beispiel, wie leicht Stereotypen reaktiviert werden können und das Urteilsvermögen trüben. Daraus erwächst eine Leitlinie für die Tätigkeit von Villa Vigoni, die die unterschiedlichsten Protagonisten in verschiedenen Feldern zusammenbringt. Einen Fokus bildet dabei Europa, nicht zuletzt auf dem Hintergrund, dass die langjährige Konvergenz, die auf einer breiten Schnittmenge an gemeinsamen Interessen und Einschätzungen beruhte, gegenwärtig bei weitem nicht so genutzt ist, wie sie es sein könnte und wie es im Interesse beider Länder läge. Auf einem anderen Feld, dem wissenschaftlichen Austausch hingegen ist Villa Vigoni auf dem Weg, die Rolle eines wirkungsvollen Katalysators einzunehmen. Überhaupt ist sie mit ihren 2.000 Gästen und mehr als 60+N99 Veranstaltungen jährlich, den unzähligen Anfragen, dem großen Netzwerk, das viele bedeutende Institutionen beider Länder umfasst und von der regionalen bis zur nationalen Ebene reicht, selber Träger und Indikator der hohen wechselseitigen Verflechtung sowie des lebhaften Interesses beider Länder aneinander.

Der Aufbau der Vigonianae spiegelt die skizzierten Aufgabenfelder, denen sich Villa Vigoni stellt. Die Zeitschrift wird immer vier Abteilungen umfassen, die unterschiedlichen Leitlinien folgen. Entsprechend der Binationalität finden beide Sprachen Verwendung - die Sprachfolge in den Überschriften der Abteilungen orientiert sich dabei an der Sprache des ersten Beiträgers. In der ersten Abteilung wird zu einem aktuellen Thema in den deutsch-italienischen Beziehungen Stellung genommen, eine Diskussion aufgegriffen oder zu ihr herausgefordert. Beiträge erscheinen in beiden Sprachen. Eröffnet wird die Rubrik mit einer Bewertung des gegenwärtigen deutsch-italienischen Verhältnisses durch den kürzlich nach Berlin zurückgekehrten deutschen Botschafter in Rom.

Die zweite Abteilung gilt »europäischen Herausforderungen« und enthält Impulsbeiträge zu aktuellen Fragen Europas, die in der Regel in der Villa Vigoni gehalten worden sind. Die Beiträge dieses Hefts sind aus einer Veranstaltung zu den sozialen Folgen der Globalisierung und den Möglichkeiten oder Grenzen europäischer Sozialpolitik hervorgegangen.

Die dritte Abteilung ist Themen aus der reichen deutsch-italienischen Geschichte gewidmet. Das umfasst die Kulturbeziehungen zwischen den beiden Ländern, deren Realisierungsform im Mylius-Kreis hier vorgestellt wird - als Referenz für die Gründungsidee der Villa Vigoni mit Bedacht in das Eröffnungsheft gesetzt -, und reicht bis zu den Problemfeldern aus der wechselseitig verflochtenen Geschichte des vorigen Jahrhunderts, die im Verhältnis der beiden Länder bis heute wirksam sind.

Die Beiträge aus diesen beiden Abteilungen werden in der Originalsprache mit einer Zusammenfassung jeweils in der anderen Sprache geboten. In der letzten, wiederum zweisprachigen Abteilung schließlich werden Ereignisse im Rahmen des Vereins »Villa Vigoni e.V.« mitgeteilt, die von allgemeinerem Interesse sind. Neben einem Nachruf auf Erich Kusch, der über lange Jahre hinweg das Ehrenamt des deutschen Präsidenten der Villa Vigoni ausübte, enthält dieses Heft Berichte über zwei Initiativen: die Einrichtung einer deutsch-italienischen Historikerkommission sowie die Gründung einer Internetplattform für den Jugendaustausch unter dem Dach der Villa Vigoni, mit der sich die Förderung von Begegnungen zwischen den Jüngeren in Deutschland und Italien nun endlich - wenn auch erst im Ansatz - in die Reihe der vielfach bestehenden binationalen Jugendwerke einreiht. Den Abschluss bildet eine Preisaufgabe, die den Beginn einer vertieften kunst- und kulturhistorischen Erschließung der Kunstschätze des Hauses bilden soll.

Ein besonderer Dank gilt zuletzt dem Verleger Dr. Thomas Schaber, der das Vorhaben von Anfang an befördert und die Zeitschrift in das Programm seines Verlags aufgenommen hat.

Vigonianae, I, 2010 – 1. Heft

  • Autor/Autorin: G. Vogt-Spira, M. Steiner, M. Monti, J. Beckert, G. Regn, B. Sösemann, C. Liermann, C. Christiany
  • Herausgegeben
    von:
    G. Vogt-Spira
  • Verlag: Steiner Verlag
  • Reihe: Vigonianae
  • Nummer des Bandes: 1
  • Jahr: 2010
  • Ort: Stuttgart
  • ISBN / ISSN: 21917280