Der Europa-Gedanke
Die im Jahre 1989 einsetzenden weltpolitischen Veränderungen, sowie die bevorstehende Eröffnung des europäischen Binnenmarktes haben der nie abreißenden Diskussion über den Europagedanken neuen Auftrieb gegeben. Die die nationalen Grenzen überschreitenden Aufgaben wie Friedenssicherung, wirtschaftliche Verflechtung und Umweltschutz verlangen nach europäischen Lösungen. Wenn auf der Ebene der Tagespolitik in erster Linie nach der aktuellen Bedeutung des Europagedankens gefragt wird, darf darüber nicht die Frage nach der historischen Identität Europas vergessen werden. Voraussetzung für die geistige Selbstbehauptung Europas ist die Rückbesinnung auf die europäische Tradition, das gemeinsame kulturelle Erbe, denn nur unter dieser Perspektive ist Europa als Einheit zu begreifen. Auf eine Formel gebracht, handelt es sich um eine Europäisierung des Geschichtsbildes, um die Herausstellung der aktiven Elemente des Europagedankens in seiner Geschichte. Aus dem Bewusstsein der Gemeinsamkeiten, welche die europäischen Nationen miteinander verbinden, entwickelt sich allmählich das Selbstverständnis des Kontinents als eine Einheit, »einer Art großer Republik, in verschiedene Staaten aufgeteilt ... die alle den gleichen religiösen Fundus haben ... die gleichen Prinzipien des öffentlichen Rechts und der Politik«; so begreift Voltaire die Eigenart Europas. Verschiedene historische Aspekte dieser Eigenart vermitteln die Beiträge des Sammelbandes und offenbaren damit zugleich die Problematik des Europabewusstseins in seinen nationalen Ausprägungen.


