Im Rahmen des Projekts „Le memorie degli altri | Die Erinnerungen der Anderen“, das von Erasmus+ finanziert und von der Villa Vigoni in Zusammenarbeit mit Genintelligence e.V. organisiert worden ist, trafen sich vom 23. bis zum 30. November dreißig junge Menschen aus verschiedenen Regionen Italiens und Deutschlands in Rom. Sie haben sich gemeinsam auf einen Weg des kollektiven Nachdenkens über das Verhältnis von Geschichte und Demokratie begeben. Ziel des Projekts ist es, die Diktaturvergangenheit beider Länder intergenerational aufzuarbeiten. Begegnungen mit Zeitzeug:innen und Expert:innen sowie Besuche historisch bedeutsamer Orte in Rom fördern die Auseinandersetzung mit den Schicksalen verfolgter Gruppen während des italienischen Faschismus (1922–1945) und der deutschen Besatzung in Italien (1943–1945). Das Projekt reiht sich in eine Serie von Initiativen der Villa Vigoni ein, die eine nachhaltige historische Sensibilität und ein dauerhaftes Bewusstsein für die demokratische und rechtsstaatliche Gegenwart und Zukunft Europas fördern wollen.
Zur Vorbereitung auf das intensive Programm in Rom absolvierten die ausgewählten Teilnehmenden – Schülerinnen und Schüler, Studierende sowie junge Berufstätige im Alter zwischen 18 und 30 Jahren – gezielte Recherchen und Gruppenarbeiten. In einer dieser digitalen Begegnungen führte Prof. Amedeo Osti Guerrazzi (Universität Padua) in den historischen Kontext ein und erläuterte insbesondere die Entwicklung des Faschismus im Vergleich zum Nationalsozialismus.
Unter der Leitung einer Gruppe junger Mitarbeitender und ehrenamtlicher junger Vereinsmitglieder der Villa Vigoni trafen die Teilnehmenden dann Zeitzeug:innen und Wissenschaftler:innen und besuchten zentrale Orte der Erinnerung. Dazu zählen die Gedenkstätte der Fosse Ardeatine (Ardeatinische Höhlen) mit einer Führung durch Claudio Fano und Paolo Pierantoni – Familienangehörige zweier Opfer des Massakers und Vertreter der ANFIM (Associazione Nazionale tra le Famiglie dei Caduti per la Libertà della Patria); und das Museum „Vite di IMI“, das den italienischen Militärinternierten und ihrem „Widerstand ohne Waffen“ gewidmet ist. Die Direktorin Prof. Rosina Zucco und Prof. Luciano Zani von der ANRP (Associazione Nazionale Reduci dalla Prigionia, dall’Internamento, dalla Guerra di Liberazione e loro familiari – „Nationaler Verband der Heimkehrer aus der Gefangenschaft, der Internierung, des Befreiungskrieges und ihrer Angehörigen“) haben die Gruppe begleitet, die auch die Casa della Memoria e della Storia („Haus der Erinnerung und Geschichte“) besucht hat, wo sie Zeitzeug:innen traf, darunter Luciana Romoli, Kampfname „Luce“, die mit elf Jahren Kurierin im Partisanenwiderstand wurde und heute die ANPI vertritt (Associazione Nazionale Partigiani d’Italia – „Nationaler Verband der Partisanen Italiens“); sowie Pupa Garribba, Ugo Foà und Gianni Polgar von der Organisation Progetto Memoria, die als jüdische Kinder Opfer der Rassengesetze wurden und heute in Schulen über Diskriminierung aufklären.
Die Gruppe besuchte außerdem Civitella in Val di Chiana: Dort traf sie auf die beiden Überlebenden des Massakers vom 29. Juni 1944 Ida Balò und Dino Tiezzi. Anschließend führte Terzilio Bozzi, Vizepräsident des Vereins Civitella ricorda („Civitella erinnert“), die Teilnehmenden durch das Archiv der Erinnerung, das die verschiedenen Zeugnisse und Dokumente der lokalen Geschichte mit ihrer nationalen und europäischen Bedeutung aufbewahrt. Villa Vigoni dankt dem Förderkreis der Freunde der Villa Vigoni für die Finanzierung der Busreise.
Ebenfalls in der Casa della Memoria e della Storia traf die Gruppe die Wissenschaftler Prof. Lorenzo Benadusi (Universität Roma Tre) und Prof. Dario Pasquini (Universität Turin), die einen Vortrag über die Verfolgung homosexueller Menschen zur Zeit des Faschismus und der deutschen Besatzung hielten; sowie Dr. Marco De Paolis, Militärgeneralstaatsanwalt am militärischen Appellationsgericht in Rom, der von der Entdeckung des sogenannten „Schranks der Schande“ und den Ermittlungen in mehr als 450 Verfahren zu Kriegsverbrechen und Massakern an italienischen Zivilisten und Militärangehörigen nach dem 8. September 1943 berichtete, darunter die Massaker von Marzabotto, Sant’Anna di Stazzema, Kefalonia (Griechenland) und Civitella in Val di Chiana.
Anschließend besichtigten die Teilnehmenden das ehemalige römische Ghetto, begleitet von Prof. Amedeo Osti Guerrazzi, der die Verfolgung der jüdischen Gemeinde, ihre Lebensbedingungen nach der Verabschiedung der Rassengesetze sowie den Ablauf von Razzien und Deportationen schilderte.
Der letzte Programmpunkt fand im Foro Italico statt, wo Vertreterinnen der Jungen Villa Vigoni die Bedeutung des Ortes in der faschistischen Epoche erläuterten und gemeinsam mit der Gruppe über die historische Funktion von Architektur und Symbolik für die Darstellung von Macht sowie über den heutigen Umgang mit dem baulichen Erbe der Diktaturen nachdachten.
Das Projekt betont vor allem die Multiperspektivität und Diversität des Erinnerns. Die Villa Vigoni hatte den doppelten Plural „Die Erinnerungen der Anderen” bewusst gewählt, um zu unterstreichen, dass es keine einheitliche Erinnerung gibt, die von allen gleichermaßen geteilt wird. Durch das gegenseitige Erzählen und Anhören der Erinnerungen wird auch ein Bewusstsein für Vielfalt und Individualität erzeugt, welche grundlegende Werte unserer heutigen Demokratien sind. Das Ziel der Erinnerung an den „Totalitarismus“ ist es nämlich immer auch, die demokratische Gesellschaft zu stärken, die aus der Abkehr von Nationalsozialismus und Faschismus entstanden ist. Es ist daher nötig, die Erinnerungen für die jeweilige Gegenwart aktiv zu bewahren – nicht „museal“ oder als Verzeichnis der Abfolge historischer Ereignisse, sondern als Vermächtnis menschlicher Geschichten: Erfahrungen Verfolgter und Unterdrückter, von Menschen, die Widerstand leisteten und für die Befreiung kämpften, und von denen viele ihr Leben gaben, und ebenso Erfahrungen jener, die die Gesellschaft nach der Zerstörung wieder aufbauten. Damit ihnen Gerechtigkeit widerfährt, darf ihr Opfer trotz der langen verstrichenen Zeit nicht vergessen werden.
Die Villa Vigoni hält es für unverzichtbar, hier einen Beitrag zu leisten, insbesondere angesichts einer künftigen Erinnerungskultur, die ohne Zeitzeug:innen auskommen muss. Zum Abschluss des Projekts werden die deutschen und italienischen Teilnehmenden mit der Unterstützung der Villa Vigoni und von Genintelligence eine digitale Plattform erstellen, auf der die Berichte der Begegnungen gespeichert und öffentlich zugänglich gemacht werden.
Presseschau
- Delegazione di studenti italo-tedeschi di Villa Vigoni in visita a Civitella, ArezzoNotizie, 26.11.25
- Studenti dal mondo a Civitella. Studiano la strage nazista, La Nazione, 26.11.25
- Le memorie degli altri, Sorgente di Vita – RAI, 14.12.25
Credits
Fotos| Lorenzo Huskamp














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